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Regionen | Appenzellerland | Dienstag, 11. November 2003

Wahlrechtsfragen sind Machtfragen Ein überparteiliches Komitee sammelt in Ausserrhoden Unterschriften für eine Volksinitiative zur Einführung des Proporzes für das Kantonsratsparlament unter dem Titel «Faires Wahlrecht». SP-Kantonsrat Ivo Müller ist an vorderster Front dabei.

Im August hat die SVP Ausserrhoden den Rückzug ihrer im Kantonsrat schon behandelten Initiative zur Einführung des Proporzes für die Kantonsratswahlen mit den Gemeinden als Wahlkreisen beschlossen. Jetzt kommt bereits ein neuer Vorstoss unter dem Titel «Faires Wahlverfahren». SP, SVP, Gewerkschaftsbund und EVP sind dabei und Sie präsidieren das Initiativekomitee. Was ist da im Sommer passiert?

Ivo Müller: Die SVP hat erkannt, dass ihre Initiative mit den Gemeinden als Wahlkreisen für den Proporz nicht mehrheitsfähig und schlechter ist, als der im Kantonsrat präsentierte Gegenvorschlag mit grösseren Wahlkreisen, aber der Garantie eines Sitzes für jede der 20 Gemeinden. Das strategische Ziel der Änderung des Wahlverfahrens wollte auch die SVP aber nicht aufgeben. So kamen Gespräche für einen überparteilichen Anlauf auf der Basis dieses Gegenvorschlags und schliesslich ein Komitee aus mehreren Gruppierungen zustande. Die CVP war bei diesen Diskussionen anfänglich auch dabei, hat sich dann aber leider zurückgezogen mit dem Argument, jetzt schon wieder einen neuen Anlauf zu nehmen, komme einer Zwängerei gleich.

Sie waren im Kantonsrat Kommissionspräsident zur SVP-Initiative und sind bei Ihrer Arbeit sehr in die Tiefe gegangen. Weshalb das grosse Engagement gerade in dieser Frage?

Müller: Das Thema interessiert mich schon seit langem wie alle staatspolitischen Fragen und die Volksrechte ganz besonders. Es stört mich, dass in Ausserrhoden durch das geltende Majorzrecht die Parteien und Gruppierungen nicht gleich lange Spiesse haben. Dabei geht es nicht nur um die SP, sondern um die Vertretung einzelner Strömungen in der Bevölkerung entsprechend ihrer Stärke. Wenn uns eine Verbesserung gelänge, würde sich das ganze politische System ändern. Es geht auch um eine bessere Zusammenarbeit zwischen den Parteien, die jetzt, wo die FDP derart dominiert und alle andern Minderheitenstatus haben, praktisch nicht stattfindet.

Sie orientieren sich am «Bündner Modell», nachdem dort eine Initiative unlängst nach einem Nachzählprozedere knapp gescheitert ist. Was ist der Unterschied vom Bündner zum «Appenzeller Modell»?

Müller: Ich spreche inzwischen nicht mehr vom Appenzeller Modell, sondern vom «Fairen Wahlverfahren», ein Ausdruck unter dem sich jedermann etwas vorstellen kann. Aber der Unterschied ist der, dass es in Graubünden noch die Kreise als Zwischenebene zwischen Kanton und Gemeinden gibt und jeder Gemeinde nicht automatisch ein Sitz zustünde. Aber beides sind Mischsysteme oder «historische Kompromisse zwischen Majorz und Proporz. Die Bündner Vorarbeit hat unsere Initiative stark beeinflusst.

Wahlverfahren sind eine komplizierte Materie. Kommt man mit solchen Fragen überhaupt bei der Bevölkerung an?

Müller: Es ist zwar eine trockene Materie, aber Wahlverfahren entscheiden über Macht. Das zeigt sich ganz deutlich am Beispiel Graubünden. Dort ist die SVP stark und gegen den Proporz. Dafür ist die FDP dafür. Die SP hingegen ist schon historisch gesehen immer für den Einbezug der Minderheiten und damit für den Proporz gewesen. Er war ja eine Forderung im Generalstreik und wurde national 1919 eingeführt. In Ausserrhoden hat die SP 1921 vergeblich die erste Proporzinitiative eingebracht.

Ein Problem stellen die Parteilosen dar, die in Ausserrhoden eine starke Delegation im Kantonsrat stellen. Sie haben sich denn auch mehrheitlich gegen die SVP-Initiative und den Gegenvorschlag gestellt.

Müller: Das stimmt. Es wäre bei unserer Struktur und Tradition auch falsch, wenn nur noch parteigebundene Leute gewählt werden könnten. Allerdings wäre es sicher gut, man würde von den Parteiunabhängigen etwas mehr über ihre politische Grundausrichtung wissen als heute. Es gäbe verschiedene Möglichkeiten. Die Parteilosen könnten auf Listen von Parteien mit dem Vermerk «parteilos» aufscheinen, sie könnten beispielsweise unter dem Namen eines Lesegesellschaft auftreten, die eine entsprechende Liste einreicht, oder sie könnten vor allem auch auf die Direktmandate der Gemeinden bauen, wo sie etwa im noch wenig parteipolitisch organisierten Vorderland durchaus Chancen hätten.

Ein anderer Vorwurf kommt hie und da, mit der neuen Verfassung habe man bewusst die Bezirke Hinterland, Mittelland und Vorderland abgeschafft. Jetzt komme man bei der Bildung der Wahlkreise wieder darauf zurück.

Müller: Da die Gemeinden sich offensichtlich nicht als Wahlkreise eignen, möchten wir vier ungefähr gleich grosse Wahlkreise mit 15 bis 18 Sitzen bilden und da bieten sich aus geografischen Gründen neben Herisau die früheren Bezirke an. So ist auch die Übersichtlichkeit für die Wählerschaft noch gewährleistet. Andererseits ist der Wahlkreis genügend gross, dass auch kleinere Parteien eine Chance haben. Es braucht für einen Sitz etwa acht Prozent der Stimmen. Auch in anderen Bereichen, wie den Zivilstandsämtern, kommt man ja wieder auf die Bezirkseinteilung zurück. In der Realität spielt diese immer noch eine Rolle. Von diesen Wahlkreisen erhoffen wir uns auch einen Anstoss für mehr Zusammenarbeit und Kontakte unter den Gemeinden.

Sie haben am Wochenende Sammelaktionen für Unterschriften gemacht. Ist es gelungen, die Botschaft rüberzubringen?

Müller: Das Prinzip für das faire Wahlverfahren ist gut verständlich. Kompliziert wird es, wenn man in die Details der Ermittlung des Resultats geht. Aber auch beim Majorz wissen die meisten Leute nicht exakt, wie das absolute Mehr errechnet wird. Das ist aber weiter nicht tragisch. Wie man aber genau ein Restmandat ausrechnet, das müssen dann die Zählbüros wissen.

Weshalb ist Ihres Erachtens die Zeit zur Systemumstellung nun auch in Ausserrhoden gekommen?

Müller: Es ist eigentlich auch noch eine Folge der Abschaffung der Landsgemeinde, dass man derartige Fragen diskutiert, so wie wir auch das fakultative Referendum eingeführt haben.

Wie ist der Zeitplan?

Müller: Wir sollten bis zu den nächsten Parlamentswahlen im Frühling 2007 bereit sein. Wir haben also Zeit. Die 300 Unterschriften beizubringen ist kein Problem. Den grössten Teil haben wir schon, aber wir möchten natürlich schon mehr sammeln als nötig. Vielleicht werden wir die Initiative noch dieses Jahr einreichen, vielleicht erst anfangs 2004.

Was erwarten Sie von der FDP ?

Müller: Schön wäre es, wenn das Wahlrecht gemeinsam definiert werden könnte, weil es einen ganz grossen Einfluss auf die Politik hat. Hier geht es um die Spielregeln der Demokratie. Wir hoffen auch, dass die CVP zu gegebener Zeit wieder mitmacht und möchten auch die FDP einladen, sich zu überlegen ob es nicht ein Wahlrecht gäbe, zu dem alle stehen können, auch wenn es vielleicht ein anderes Modell ist   Interview: Hanspeter Strebel

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